Schmuck mit Seele:

Eine tausendjährige Tradition

Die Schmuckarbeiten der Indianer im Südwesten der USA nehmen heute eine Sonderstellung unter den Produkten ethnischer Gruppen ein. Der Gebrauch von Türkis, Koralle, Muscheln und Onyx ist bei den Stämmen des Südwestens seit prähistorischen Zeiten Tradition. Ab 1000 n. Chr. verarbeiteten die Hohokam und Anasazi Türkise und Muscheln zur Verzierung ihrer Keramik. Konnten sie den Türkis als Stein des Südwestens in ausreichenden Mengen finden, so wurden Muscheln und Korallen von den Hohokam über den direkten Wasserweg, den Gila River und Salt River, durch Handel mit den Stämmen der Pazifikküste und dem kalifornischen Golf in den Südwesten gebracht. Die Hohokam waren die ersten, die aus diesen Materialien Schmuckstücke arbeiteten. Die Zuni-Indianer haben diese prähistorische Tradition bis heute mit grossem Erfolg fortgesetzt. Besonders ihre Fetisch-Schnitzereien sind kleine Kunstwerke. Eine Halskette mit mehrern hundert handgeschnitzten Fetisch-Tieren, aus Perlmutt, Koralle, Türkis und dem schwarzen Onyx ist wohl der Höhepunkt ihrer Schmuckarbeit.

NAVAJO - Silberschmiedekunst

Tradition und Innovation

1835 erlernten einige Navajo von mexikanischen Silberschmieden ein paar Handgriffe der Metallverarbeitung. Um 1900 stand die Silberschmiedekunst schon in voller Blüte und seit dieser Zeit werden auch Türkise und Korallen mit Silber verarbeitet. Die Navajo belassen die Steine oft in ihrer natürlichen Form. So entstehen Armreifen oder Ringe von besonderer Grösse und Schönheit. Sehr beliebt sind ihre schweren squash-blossom-Colliers, die in der Form den Einfluss der Spanier, die wiederum von den Mauren aus Nordafrika beeinflusst waren, erkennen lassen. Auch ihre Gürtel mit Schnallen (Concha belts) und die silberverzierte Arbeit am Zaumzeug und Reitsattel haben spanische Vorbilder.
Das Silber wird von den Navajo entweder in Sandsteinformen gegossen (sand cast) oder gehämmert, wobei nur feinstes Sterling-Silber (925er) verwendet wird. Obwohl auch andere Stämme, besonders die Zuni und Hopi, in der Silberschmiedekunst hervorragende Arbeit leisten, verbindet man doch den Begriff indianischer Silberschmiedekunst unwillkürlich mit den Navajo. Der Hauptanteil des Handels mit Silberschmuck liegt auch heute nach wie vor bei diesem Stamm.

ZUNI - Inlay

Abstrakte Schönheit, modern und archaisch zugleich

Um 1855 lernten die Zuni die Silberschmiedekunst von den Navajo. Die Zuni setzen mit grösster Kunstfertigkeit winzige Türkise und Korallen in Sterling-Silber und schaffen so die kunstvollen Needlepoint-Ringe, -Armreifen und -Broschen. Die Zuni-Einlegearbeiten in Silber (Inlay) mit Perlmutt, Türkis, Koralle und Onyx in Mosaik-Designs nach alten Motiven sind typisch für die Zuni-Künstler.
In ihrer abstrakten Schönheit in Form und Farbe wirken Zuni-Schmuckarbeiten geradezu modern. Oder "post-modern"? Und darum vielleicht wirken sie zeitlos.
In ihnen lassen sich archaische Einflüsse auf moderne Kunst in direkter Traditionslinie erkennen.

HOPI - Overlay

Eleganz und prähistorische Symbolik

Die Hopi sind in erster Linie Silberschmiede, Schmucksteine werden bei ihnen seltener verwendet. Ihre feine Overlay-Technik unterscheidet sich von der Navajo-Arbeit insofern, als sie das Silber zweischichtig verarbeiten. Die obere Lage wird in asymmetrischen Designs und alten Hopi-Symbolen ausgesägt und auf eine andere gebracht. Auch die Clan-Symbole wie Bär, Adler u.a. spielen hierbei eine bedeutende Rolle.
Hopi-Schmuck besticht durch seine schlichte Eleganz.

Die besten Silberschmiede der Welt?

Seit etwa 1965 haben die Arbeiten der Navajo, Zuni und Hopi ein Niveau erlangt, das ihnen den Ruf einbrachte, die besten Silberschmiede der Welt zu sein. Als "new high fashion look" wurde der indianische Schmuck durch die Modeseiten des "Harper's Bazaar" und der "Vogue" weit über die Grenzen der USA hinaus ein Begriff.
Oppositionelle Jugendliche in den USA tragen den Indianerschmuck als Symbol der Freiheit; Künstler und Künstlerinnen von Weltruf, weil sie diese Arbeit in ihrer Ausdrucksstärke erkennen. Der ehemalige US-Präsident Johnson schenkte der Königin von Dänemark ein Collier des Hopi-Künstlers Charles Loloma. Ausstellungen in Paris und London erregten in jüngster Zeit grosses Aufsehen.

Ihr Geheimnis.

Was ist das Geheimnis des indianischen Schmucks? Hopi Charles Loloma sagt dazu: "Ich schöpfe aus meinem Innern ... ich weiss um die Schönheit unserer (Hopi-)Vergangenheit, kenne unsere Rituale, den Altar ... das erklärt unser Gefühl für Harmonie."
"A lot of soul" - viel Seele. Vielleicht beschreibt dieser Begriff der Amerikaner am besten den spezifischen Charakter der Silberschmiedearbeiten der Navajo, Zuni und Hopi.
Im Kunsthandwerk der Indianer im Südwesten der USA treffen sich prähistorische Tradition und moderne Kommerzialisierung. Indianischer Schmuck war und ist auch ein wirtschaftlicher Faktor. Sozialpolitische Aspekte und die Identitätsfrage sind in diesem Zusammenhang von Bedeutung.
Bitte vermeiden Sie deshalb den Kauf billiger Imitationen, lassen Sie sich von qualifizierten Händlern beraten.

Echten Indianerschmuck erkennen Sie nicht unbedingt am Prägestempel. Im Gegenteil: Noch in jüngster Zeit galt das Vorhandensein von Stempeln wie "Sterling Silver" als ein Zeichen für Imitationen, denn für die indianischen Künstler in den USA gilt ein Gesetz, das diese von der Zeichnungspflicht ihrer Arbeiten ausdrücklich befreit. Die Internationalisierung hat es mit sich gebracht, dass heute viele indianische Silberschmiede Prägestempel benutzen. Einige sind inzwischen dazu übergegangen, auch ihren Namen oder ihre Initialien einzugravieren.

Dagmar Herok

Englische Version

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